Fasnacht 2019

Narrenmarkt 2019

Während die Zahl Verkleideter ringsherum in Konstanz an FasnachtsFreitagen und FasnachtsSamstagen recht dürftig ist, liegt die Markstätte aber immer stabil in der Hand der Hästräger. Auf verschiedenen Bühnen wird getanzt und musiziert, an diversen Ständen gebraten und gebacken, um Stärkung für die närrischen Leiber bereitzuhalten.

Einem aufmerksamen Beobachter würde aber nicht entgangen sein, dass sich heuer mürrisch-trotzige Untertöne in die ansonsten friedfertige und fröhliche Laune mischten. Hervorgerufen wurden sie durch vereinzelte Stimmen in der Presse, die im Vorfeld der Fasnacht dafür plädierten, zwei altbekannte Konstanzer Fasnachtslieder aus dem Kanon zu streichen und nicht mehr aufzuführen. “Mädle, wenn vu Konstanz bisch” und “Ja wenn der ganze Bodensee …”. Auf den ersten Blick unverständlich, da sich die Stücke in nichts von anderen unterscheiden, zu denen man sich gern mit dem Nachbarn einhakt und schunkelt, und die einem noch lange als Wurm im Ohr bleiben.

Erst als ich nachhakte und erfuhr, dass sie in den 60ern von einem gewissen Willi Hermann (1903-1977) geschrieben worden seien, der während der Herrschaft der Nazis ein widerwärtiger Judenhasser gewesen sein soll, dem mutmaßlich sogar Blut an den Fingern klebte, erst da begann ich, die Zusammenhänge zu verstehen.

Da spaziert man ausgelassen und heiter durch die Konstanzer Fasnacht und plötzlich sieht man sich konfrontiert mit einer moralphilosophisch spannenden Frage: darf ich Lieder singen, die von jemandem geschrieben wurden, den ich verachte?

Dass beide Lieder dieses Jahr so oft wie nie zuvor gespielt wurden, zeigt, dass die Aufforderung zur musikalischen Abstinenz ein Schuss war, der nach hinten abging. Ich fand sowohl unter Musikern wie unter den Zuhörern für die Schunkellied-Prohibition kein Verständnis und gewann den Eindruck, dass politische Überkorrektheit mitunter das Gegenteil dessen bewirken kann, was sie beabsichtigt. Der einhellige Tenor war: “Wir wollen uns nichts vorschreiben lassen!” und “Jahrzehnte lang haben die Lieder niemandem weh getan, und jetzt sollen sie plötzlich verboten werden?”

Diese Eindrücke stießen Gedanken in mir an. Ich fragte mich später, ob ich gerne Songs singen oder hören würde, die von Mark Chapman stammen, also jener psychisch kranken Person, die 1980 John Lennon ermordete (ich bin John-Lennon-Fan). Klare Antwort: Nein! Wie stünde es um “Stille Nacht, Heilige Nacht”, wenn sich herausstellte, dass die Schöpfer Gruber (Organist) und Mohr (Hilfspfarrer) Kinderschänder waren? Ich wurde mir unsicher.

Dann kam mir in den Sinn, dass kein Wesen nur aus einer schäbigen Unterseite besteht. Will man das, was ein Mensch an Begrüßenswertem erschafft, in die Tonne treten, weil derselbe Mensch auch niederträchtig, dumm und brutal war? Klare Antwort: Nein! Zumal alles, was je ein Mensch erdacht, erschaffen, gezeugt oder erfunden hat, seine eigene Existenz gewinnt, sich gewissermaßen verselbstständigt und vervielfältigt.

Man sieht, ich kam zu zwei sich widersprechenden Ergebnissen. In der Sphäre der Moral gibt’s ein Richtig und kein Falsch, nur immer ein Ringen um Konsens.

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